Zum Vorkommen von Hemimysis anomala Sars 1907 im Hufeisensee Halle im November 2005

Im Dezember 2005 ging das Vorkommen der Schwebegarnele Hemimysis anomala in Halle durch die Presse. Sicherlich war es für die Taucher, die diese Entdeckung in ihrem „Haussee“ machten, ein spektakulärer Fund. Insgesamt mit etwas Abstand betrachtet, konnte durchaus auch im mitteldeutschen Raum mit dieser Garnele, die ursprünglich für die Küstenregion des Schwarzen und Kaspischen Meeres (BACESCU 1954) endemisch war, gerechnet werden. Das Vorkommen im Kaspischen Meer deutet auf eine haline Toleranz in limnischen Systemen hin.

In den letzten Jahrzehnten wurde die Art auch bis zu 50 km in die Ostsee mündende Flusssysteme aufgefunden. Die Ausbreitungstheorien sind derzeit noch umstritten, da Hemimysis anomala, wie andere Mysidacea auch, in den 1950er und 1960er Jahren als Fischnährtier in Stauseen im Einzugsgebiet der Ostsee ausgesetzt wurde (LEPPÄKOSKI 1984, ZHURAVEL 1960). Von dort gelangte sie über die Flüsse in die brackigen Regionen und verbreitete sich alsbald weiter (MÜLLER 2005). Die Verschleppung aus der Ostsee bzw. auch über den Rhein-Main-Donau-Kanal durch Ballastwasser/Spülwasser usw. wird diskutiert.

Von einer natürlichen Ausbreitung auszugehen scheint nicht unbedingt sinnvoll, da durch vielfältige menschliche Aktivitäten, wie z.B. Fischbesatz (Fischeinkauf und -transport mit Wasser) oder Transport von Abgrabungsmaterialien, der Verbreitung dieser Tiere oder deren Eier Tür und Tor geöffnet ist.

Erste Nachweise aus deutschen Gewässersystemen wurden ab 1997 gefunden:

  • im Neckar bei Neckarsteinach 1997 und im Mittelrhein bei Koblenz 1997 (SCHLEUTER 1998),
  • im Main (SCHLEUTER & SCHLEUTER 1998),
  • im niederländischen Niederrhein (SCHLEUTER & SCHLEUTER 1998),
  • im Salzgitter Stichkanal vom Mittellandkanal (EGGERS 1999),
  • in der Oberen Donau (WITTMANN 1999),
  • in der Unteren Oder (GRUSZKA 2003).

Die Ausbreitung in der Ostsee ist seit 1993 bekannt (SALEMAA & HIETALATHI 1993) und so schließt EGGERS 1999 nicht aus, dass die nicht leicht auffindbare Art von der Osttseeküste über den Mittelandkanal in das Rheinsystem gelangt ist.

Die pontokaspische Schwebegarnele Hemimysis anomala ist schwer nachzuweisen. Am Tage verbirgt sie sich unter Hartsubstrat, wobei größere Tiefen keine Probleme darstellen. Durch die hyaline, nur teilweise leicht rötliche Färbung und eine Größe um 10 mm sind die Tiere schlecht auszumachen. Nachts treten sie im freiem Wasser auf und schwimmen dabei häufig in Bodennähe. Ein Auffinden ist also eher als zufällig zu bezeichnen.

Da sich die Tiere tagsüber nicht im Freiwasser bewegen, sind sie als Fischfutter kaum verfügbar. Aus der Aquaristik ist dieses Phänomen durchaus bekannt. Der eutrophe, tendenziell mesotrophe und bei einer maximalen Tiefe von 25 m bis 29 m gut mit Sauerstoff versorgte Wasserkörper des Hufeisensees stellt sicherlich optimale Lebensbedingungen für die Schwebegarnelen dar. Dabei ist davon auszugehen, dass die nachts in Erscheinung tretenden Garnelen überwiegend die tiefen, teilweise sauerstoffarmen und im Hufeisensee sogar salzigen Seebereiche meiden. Sie sind eher an den flacheren, eine durchschnittliche Tiefe von 9 m aufweisenden Stellen des Hufeisensees unter der sicherlich im Sommer bei max. 8 m liegenden Sichttiefe zu suchen.

 

Abb. 1: Schwebegarnele Hemimysis anomala - Makroaufnahme
Abb. 2: Kopf, Mundwerkzeuge und Extremitäten des Brustbereiches von unten gesehen (Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme, Vergrößerung 50fach)
Abb. 3: Seitliche Ansicht von Hemimysis anomala (Balsampräparat)

Die Verwendung der Fotos erfolgte mit freundlicher Genehmigung der Herren Gerald Moritz (Abb. 2 und 3) und
Peter Gilles (Abb. 1) (Homepage: http://www.ruhrrunner.de
oder Webside: fotocommunity.de/pg)

Für diesbezügliche Kontakte stehe ich gerne zur Verfügung. Lutz Tappenbeck; Bahnhofstr. 2, 39443 Förderstedt,

 

Literatur:

  • BACESCU, M. (1954): Crustacea: Mysidacea.- Fauna Republicii Populare Romine 4(3): 1-116, Burcuresti.
  • EGGERS, T. O., A. Martens & K. Grabow (1999): Hemimysis anomala SARS im Stichkanal Salzgitter. Lauterbornia 1999. 43–47.
  • GRUZKA, P., B.WAWRYZYNIAK-WYDROWSKA & J. ZURAWSKA (2003): Alien crustacean species in the River Odra estuary (Baltic Sea). In: Baltic Sea Science Congress 2003 Helsinki – Abstract Publication. 130, Helsinki.
  • LEPPÄKOSKI, E. (1984): Introduced species in the Baltic Sea and istscoataal ecosystems.- Ophelia supplement 3: 123-135, Helsingör.
  • MÜLLER, O., N. Exner & A. Martens (2005): Hemimysis anomala in der Mittleren Oder (Crustacea, Mysidacea). - Lauterbornia 55: 93-96, Dinkelscherben.
  • SALEMAA,H. & V. Hietalathi (1993): Hemimysis anomala G. O. Sars (Crustacea: Mysidacea) – Immigration of a Pontocaspian mysid into the Baltic Sea. – Annales zoologici fennici 30: 271-276, Dinkelscherben.
  • SCHLEUTER, A, H.-P. GEISSEN & K.J. WITTMANN (1998): Hemimysis anomala G. O. Sars 1907 (Crustacea; Mysidacea), eine euryhaline pontokaspische Schwebegarnele in Rhein und Neckar. - Lauterbornia 32: 67–71, Dinkelscherben.
  • SCHLEUTER, A. & M. SCHLEUTER (1998): Dendrocoelum romanodanubiale (Turbellaria, Tricladia) und Hemimysis anomala (Crustacea: Mysidacea) zwei weitere Neozoen im Main. - Lauterbornia 33: 125-127, Dinkelscherben.
  • WITTMANN, K. J. (1995): Zur Einwanderung potamophiler Malacostraca in die obere Donau: Limnomysis benedeni (Mysidaecea), Corophium curvispinum (Amphipoda) und Atyaephyra desmaresti (Decapoda). - Lauterbornia 20: 77-85, Dinkelscherben.
  • ZHURAVEL, P. A. (1960): The mysid Hemimysis anomala Sars (Crustacea, Malacostraca) in the Dnepr water reservoir and an ist feeding value for fishes. – Zoologiceskij Zurnal 39: 1571–1573, Moskau.

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