Die Süßwasserqualle (Craspedacusta sowerbyi, LANCASTER 1880)

Meldeformular als Download:

Als potentielle Fundgewässer  der Süßwasserqualle traten bisher nur ehemalige und teilweise schon ältere Kies-, Ton- und Steinabbaugruben auf. Der Halberstädter- oder Wehrstedter See ist mit seinem regelmäßigen Süßwasserquallenvorkommen wohl der beispielhafteste See überhaupt. 1995 noch als eutroph eingeschätzt und durch direkten Grundwasserkontakt von der kritisch belasteten Holtemme mit Nährstoffen bedacht, entwickelte er sich bis 2001 zu einem mesotrophen und scheinbar auch fischarmen Gewässer. Ähnliche Erholungserscheinungen sind im heute mesotrophen Belicker See, einer ehemaligen Tongrube festzustellen. Korrelationen von Süßwasserquallenvorkommen und der Erholung dieser Gewässer erscheinen somit wahrscheinlich.

Nach der Veröffentlichung eines kurzen Artikels in der „halophila“ Nr. 35 von 1998 wurden mir freundlicherweise folgende Fundgewässer der Süßwasserqualle mitgeteilt:

  • Wehrstädter See (jährliches Auftreten 1994 – 98) nördlich von  Halberstadt, Ldk. Halberstadt
  • Belicker See,  1997 südöstlich von Genthin, bei Belicke, Ldk. Jerichower Land
  • Löbejün Steinbruch II, nördlich Löbejün, Ldk. Saalekreis
  • Grüner Waldsee zwischen Plötzky und Gommern, Ldk. Jerichower Land

Außerdem bekam ich mehrere Hinweise oder besser gesagt Hilferufe von Naturfreunden aus Radevormwald. In einem scheinbar recht ansprechend gelegenen See, dem Silbersee in Wuppertal-Cronenberg, sollen mehrere Jahren lang immer wieder Süßwasserquallen vorgekommen sein. Leider gehört das Gewässer einer großen Firma, die auf dem Standort einen Müllverbrennungsanlage betreibt und den See in den nächsten Jahren verfüllen will. Ich hatte diesbezüglich meine Unterstützung bei notwendigen Verfahren gegen die Beseitigung eines Gewässers angeboten. Mit Hilfe der Süßwasserquallen ist die Verfüllung des Gewässers realistischerweise nicht aufzuhalten, da sie meines Wissens keinerlei Schutzstatus besitzen und meist auch nur sporadisch ohne ersichtlichen oder bekannten Grund auftreten. Trotz des fehlenden Schutzstatus, den diese Organismen sicher durch ihre Einzigartigkeit schon verdient hätten, sind auch die Gewässer in denen sie vorkommen bemerkenswert. Ein Schutz der Süßwasserquallen ist nur über den Schutz der Habitatgewässer bzw. dem Gebiet in dem die See liegen möglich.

Die Gewässer Grüner Waldsee und Löbejün II entstanden durch den Hartgesteinabbau im 19. und 20. Jahrhundert. Als grundwassergefüllte „Restlöcher“ besitzen sie meist nur geringe Nährstoffmengen bzw. kann der Eintrag über Laub und Stäube als natürlich eingeschätzt werden.

Die auf den ersten Blick sehr unterschiedlichen Seen besitzen eine recht hohe Sichttiefe im Sommer (3 – 4 m), oligo- bis mesotrophe Nährstoffverhältnisse, ein durch steile Ufer kaum oder nicht vorhandenes Phytal und Schwefelwasserstoffvorkommen (manche nur zeitweise) am Grund. Alle Seen sind über 8 m tief. Lichtverlust und Schwefelwasserstoffvorkommen lassen keine submersen Makrophyten am Grunde aufkommen. Weiterhin wurde bei allen Seen eine geringe bis nicht vorhandene ichtyologische und Gesamtbesiedlung, bei einer geringen bis guten Phyto- und Zooplanktonentwicklung festgestellt. Hartsubstrate zum Anheften der Polypen werden als unbedingt notwendig erachtet. Trotz dieser eher hypothetischen Behauptung besteht so eine Auswahlmöglichkeit bei der Suche nach weiteren Vorkommen und ich erneuere hiermit nochmals meine Bitte:

Wenn dem Leser ein Süßwasserquallenvorkommen bekannt ist oder er beim Baden, Schnorcheln oder Tauchen darauf stößt, würde ich mich über eine Benachrichtigung (Lutz.Tappenbeck@t-online.de) freuen.

 

 

Ein Beitrag zur Autökologie und zum Vorkommen der Süßwasserqualle Craspedacusta sowerbyi LANCESTER, 1880 in Deutschland

Veröffentlicht in der Vereinszeitschrift SPORTTAUCHER, April 2003

Es müssen eine Reihe von Bedingungen eintreten, damit sich Süßwasserquallen in unseren Gewässern entwickeln können. In Auswertung und im Vergleich der gemeldeten Beobachtungen war das Jahr 2002 scheinbar ein ausgesprochenes Süßwasserquallenjahr. Meist am Ende des Sommers konnten in vielen zum Baden und Tauchen genutzten Seen Vorkommen der Süßwasserqualle Craspedacusta sowerbyi beobachtet werden. Aber auch eine zunehmende Anzahl von Teichbesitzern meldeten mir ihre Vorkommen.

Insgesamt gesehen, sind Süßwasserquallen in unseren Seen selten. Die Ursachen dafür sind vorwiegend ihre Bindung an höhere Temperaturen und im Idealfall an windbedingte sauerstofffördernde Strömungen im Gewässer. Durchmischte, planktonreiche, flache Kiesseen sind z.B. ideale Biotope für diese, zu den Hohltieren (Coelenterata) gehörenden, max. 20-25 mm große Quallen. Craspedacusta sowerbyi ist die einzige in Mitteleuropa vorkommende Süßwasserqualle. Die Medusenstadien bilden sich aus einem Polypenstadium. Polyp (beschrieben als eigenständige Art Microhydra ryderi) und die dazugehörige Qualle wurden, vermutlich in Unkenntnis der taxonomischen Zusammenhänge, separat beschrieben und besitzen somit als Besonderheit häufig in der Literatur eigene Namen. Die Bezeichnung von Polyp und Qualle als Craspedacusta sowerbyi wäre aber zutreffend.

  • Junge female Meduse (Craspedacusta sowerbyi) von unten gesehen, mit deutlich sichtbarem Velum und den typischen vier Eipackungen (Halberstädter See 1998)
  • Der etwa ca. 2 mm große, tentakellose und gefräßige Polyp ist in der Lage, sich ungeschlechtlich durch Knospung, Querteilung oder Abschnürung stäbchenförmiger Teile (Frusteln) zu vermehren. Dieser Polyp sitzt, durch seine klebrige Oberfläche mit Substrat getarnt, in Aufwuchssubstraten und Sedimentauflagen. Er ernährt sich dort insbesondere von Nematoden, Oligochaeten, Kleinkrebsen und Rotatorien. Seine Fangarmstummel sind mit Nesselzellen versehen, mit denen er aktiv seine Beute fängt. Dieser Polyp vermehrt sich in den kühlen Gewässern der gemäßigten Zone nur ungeschlechtlich durch Knospung, durch Querteilung oder durch sogenannte Frusteln, das sind sich loslösende, bewegliche Anhäufungen von Polypenzellen, aus denen neue Polypen hervorgehen.

    Im wärmeren Wasser (mindestens 19-20 Grad Celsius, am günstigsten bei 25-27 Grad Celsius) sprossen an den Polypen seitlich Medusen hervor. Die losgelöste Meduse hat anfangs nur 8 Fangarme und noch keine Gleichgewichtsorgane, die fertige Meduse besitzt 200-400 Fangarme und zahlreiche Gleichgewichtsorgane (Statozysten). Die Medusen vermehren sich geschlechtlich, d. h. es werden Eier und Spermien abgegeben, die sich über eine Art Frustelstadium wieder zu Polypen entwickeln.

    Die auffallend geringe Größe der Polypen, die dauernd sessile Lebensweise und der Mangel an Tentakeln kennzeichnen den Organismus als einen Bewohner fließender Gewässer. Die Medusen von Craspedacusta benötigen allerdings ruhige Flussabschnitte mit besonders reicher Planktonproduktion. Insbesondere sind sie in stillen Buchten und Seitenarm von größeren Flüssen oder aber in Standgewässern anzutreffen.

    Die Quallen ruhen meistens am Boden. Steigen aber z. B. bei sonnigem Wetter mit nachschleppenden Tentakeln an die Wasseroberfläche und gleiten zur Nahrungsaufnahme langsam, mit ausgebreiteter Mundöffnung, herabhängendem Velum und emporgerichteten Tentakeln zu Boden. Dabei werden Kleinkrebse, Rotatorien, Protozoen usw. aus dem Wasser gefiltert und aufgenommen.

    Eine Verbreitung der klebrigen Polypen über Wassergeflügel aus den Fließgewässern in die Standgewässer ist sehr wahrscheinlich und z. B. auch für die Verbreitung von Fischen (Laich) bekannt. Für interessante Beobachtungen empfiehlt sich die Mitnahme der Quallen (die bisher keinem Schutzstatus unterliegen) und die Hälterung im Aquarium. Ich konnte bei einer leichten Belüftung des Aquariums Süßwasserquallen über 6 Wochen ohne größeren Aufwand pflegen.

    Aus dem Jahr 2002 sind mir folgende Fundgewässer bekannt:

    Baden-Württemberg

    • Bruchsal, Heidesee
    • Brühl, Berggeistweiher
    • Forchheim, Baggersee Epple
    • Hanau, Erlensee
    • Heidelberg, St. Leoner See
    • Karlsruhe, Linkenheim
    • Linkenheim-Hochstetten (Karlsruhe), Streitköpfle
    • Neuburg/Donau, Weicheringer See
    • Offenburg, Baggersee Lahr
    • Offenburg, Matschelsee

    Bayern

    • Amper Werke in Irsching/Voburg, Einlaufweiher (16.08.02)
    • Haag/Amper, Haagener Baggersee (28.08.02)
    • Möhrendorf bei Erlangen, Oberndorfer Weiher (27.07.02)
    • Niederpöring/Deggendorf, Fischteich (15.06.02)
    • Regensburg, Sarchinger Weiher
    • Rödermark/Messel/Dieburg, Aje (01.08.02)
    • Schweinfurt, Gloecklesee

    Berlin

    • Berlin, Spandauer Zidatelle, Niederneuendorfer See (02.08.01)

    Hessen

    • Hainstadt, Krotzenburger Badesee
    • Offenbach, Hainstadtsee

    Nordrhein-Westfalen

    • Ahlen, Gartenteich
    • Duisburg Hambonn, Alte Schachtanlage
    • Hueckelhoven, Adolfosee
    • Langenfeld/Düsseldorf, Langenfelder See
    • Lippstadt, Zachariassee
    • Moers, Schleiensee
    • Unkelbach/Remagen, Dungkopfsee

    Sachsen

    • Vogelberg See

    Sachsen-Anhalt

    • Genthin, Belicker See (25.08.02)
    • Bitterfeld, Strandbad Sandersdorf
    • Löbejün bei Halle (Saale), Steinbruch I, II und III (24.08.02)
    • Sandersdorf, Strandbad
    • Süplingen, Canyon (26.08.02)

    Thüringen

    • Kaatschen, Kiesgrube (25.07.02)

     

    Ich danke allen Tauch- und Naturfreunden für die Fundmeldungen. Sicher sind es keineswegs alle Vorkommen in Deutschland. Wenn dem Leser ein weiteres Vorkommen dieser Süßwasserquallen bekannt ist oder er z. B. beim Baden oder Tauchen im Sommer zufällig darauf gestoßen ist, wäre ich über eine Benachrichtigung dankbar. Diese Meldungen sollten wenigsten beinhalten: Funddatum, Gewässer, Nächster größerer Ort, Landkreis, Bundesland, Name und Adresse des Beobachters (Größe, Tiefe, Nutzung, Entstehung des Sees - soweit ermittelbar).

    Lutz Tappenbeck
    Bahnhofstr. 2, 39443 Förderstedt
    Fax. 039266/50092
    Lutz.Tappenbeck@t-online.de