Karla Gruschwitz, 39418 Staßfurt

 

10.09.2004  Stassfurt
Zum Gedenken an Karla Gruschwitz
Sie steckte voller Geschichten und Episoden

 


Das Leben von Karla Gruschwitz, einer der aktivsten und profiliertesten Botanikerinnen des Landkreises Aschersleben-Staßfurt, hat sich vollendet. Sie verstarb am 1. September 2004 in Staßfurt. Den Leserinnen und Lesern des "Salzland-Kuriers" wurde sie durch populäre Beiträge über die heimische Flora bekannt.

Unverwechselbare Originalität

Mit ihrer ehrenamtlichen Forschungsarbeit stand Karla Gruschwitz in Tradition und Kontinuität der alten Floristen, beginnend bei Valerius Cordus (1515-1544) und Johann Royer (1574-1655) bis hin zu Karl Bernhard Lehmann (gest. 1875), Wilhelm Ebert (1857-1929) und Paul Schuster (1976-1965). Sie alle überlieferten uns jene wertvollen historischen Belege zur Flora der Staßfurter Region, die durch die Pflanzenkartierungen von Karla Gruschwitz bis in die jüngste Vergangenheit fortgeführt wurden.

Doch vor der weiteren Würdigung fachlicher Verdienste hier ein Blick auf ihren Lebensweg. Am 2. März 1937 wurde sie als Karla Wilke in Dessau geboren. Ihr Vater war Angestellter im technischen Bereich, was viele Jahre später zu unangenehmen Konsequenzen führte. Aus der stark zerstörten Stadt siedelte die Familie 1945 zu den Großeltern nach Staßfurt über. Eines der kleinen Häuser in der Güstener Straße, unweit des Luisenplatzes, wurde ihr neues zu Hause. In Dessau 1944 eingeschult, besuchte sie die Ludwig-Uhland-Schule in Staßfurt und wechselte danach zum Gymnasium in der Kalistraße. Zwar absolvierte sie diese Bildungsstätte mit der Abiturnote "gut", doch Funktionäre stalinistischer Prägung verweigerten den Studienplatz. Sie war kein Arbeiterkind und sollte sich vorerst in der "Produktion" bewähren. So lernte sie allein auf Grund ihrer sozialen Herkunft Chemiefacharbeiter im Staßfurter Sodawerk. Als aber auch danach das Studium konsequent verweigert wurde und man ihr eine Anstellung im Kalksteinbruch empfahl, war das Maß endgültig voll: Wie Millionen Landsleute vor ihr begab sich Karla Gruschwitz 1958 in die Bundesrepublik.

In der Chemiebranche ließ sie sich zur Sekretärin ausbilden und war so auf dem besten Weg, in der neuen Heimat seßhaft zu werden. Doch der plötzliche Tod des Vaters führte sie mit einem nur für drei Tage Aufenthalt genehmigten Interzonen-Paß nach Staßfurt zurück. Wider Erwarten verzögerte sich die Beerdigung, weshalb sie vorzeitig hätte abreisen müssen. Diese Auffassung von Humanität in einem angeblich sozialistischen Staat brachte Karla Gruschwitz in Wut und wenig später in das Dienstzimmer eines seinerzeit leitenden Staßfurter SED-Funktionärs. Erst durch seine Initiative durfte sie länger bleiben, wobei er ihr für den Fall der Rückkehr nach Staßfurt den einst verweigerten Studienplatz in Aussicht stellte. Monate später erhielt sie in der Bundesrepublik das Angebot eines Chemie-Studiums an der Universität Halle, das sie bis 1965 absolvierte. Vermutlich fiel ihr die Chemie nicht schwer, denn statt der zahlreichen Vorlesungen bevorzugte sie botanische Exkursionen. Sie faszinierte das Fachgebiet und sicher auch sein profilierter Vertreter Prof. Hermann Meusel (1909-1997), unangefochtener Nestor der ostdeutschen Geobotanik mit internationalem Renommee. Auf Grund besonderer Kenntnisse hielt er sie sehr bald für seine Studentin, was zu folgender Bemerkung führte: "Du denkst wohl, Du hast es nicht nötig, meine Vorlesungen zu besuchen". Dieses Missverständnis wurde zum Glücksfall, denn fortan nutzte Karla Gruschwitz sein Angebot.

Da bekanntlich zwei Dinge gleichzeitig nur schwer zu bewältigen sind, kam sie zu den Vorlesungen häufig zu spät. Bei einer Tagung des Botanischen Vereins 1990 in Halle saß Prof. Meusel, inzwischen über 80 Jahre alt, in der ersten Reihe. Weit nach dem "akademischen Viertel" kam Karla Gruschwitz und fand Platz in seiner Nähe. Blitzartig erfasste Prof. Meusel die Situation und reagierte prompt durch sein phänomenales Gedächtnis. Sanft stieß er sie mit dem Krückstock an und sagte: "Du kommst ja immer noch zu spät."

Wer Karla Gruschwitz kennenlernte traf auf einen freundlichen, aufgeschlossenen, hilfsbereiten und lebensfrohen Menschen. Bei näherem Kontakt entdeckte man auch ihr recht ausgeprägtes Fabuliertalent. Sie steckte voller Geschichten und Episoden - lustige, skurrile, oft auch anekdotenhafte. Im Plauderton mit der unverzichtbaren Zigarette vorgetragen, häufig auch Bestandteil botanischer Fachgespräche, kam Langeweile nie auf. Sehr bald verspürte man unverwechselbare Originalität, die stark prägendes Erbgut vermuten ließ: Großvater Daniel Kuhwald (1886-1964) war einst Reichbahn-Schaffner auf der Strecke Staßfurt-Blumenberg. Beim Halt in Groß Börnecke rief er das Dorf 1929 als "Furz-Börnecke" aus. Von Generationen belacht, ist diese Episode auch gegenwärtig noch bekannt. Der Großvater widmete Karla Gruschwitz viel Aufmerksamkeit. Interessiert an der Natur, kannte er zahlreiche Pflanzenarten mit ihren volkstümlichen Namen. Dieses Wissen reichte er an seine Enkelin weiter.

Karla Gruschwitz gehörte zu jenen Menschen, die ihr Ziel trotz langwieriger Detailarbeit nie aus den Augen verloren. Hervorzuheben ist ihre umfangreiche Mitarbeit an der 1993 publizierten "Neuen Flora von Halberstadt", in der die Farn- und Blütenpflanzen des Nordharzes und seines Vorlandes abgehandelt werden. Unter den 231 Mitarbeitern der Flora würdigt man gesondert ihre herausragenden Aktivitäten. Vorangegangen waren 1985 und 1988 zwei wissenschaftliche Beiträge "Zur Flora von Staßfurt und Umgebung", gemeinsam verfasst mit Dr. Hans-Ulrich Kison.

Viele Jahre widmete sie sich auch der Pflanzenkartierung. Ihre hierbei gewonnenen Resultate flossen ein in den "Verbreitungsatlas der Farn- und Blütenpflanzen Ostdeutschlands", ein epochales Werk, das 1996 im Gustav Fischer Verlag Jena erschien.

Ausgezeichnet wurde sie für ihr außergewöhnliches Engagement im Naturschutzbeirat des Landkreises. In Braunschweig nahm sie 1995 aus den Händen des renommierten Biologen Otto von Frisch den Feldschlösschen-Preis für Naturschutz entgegen. Es war die Anerkennung des Wirkens der Staßfurter Fachgruppe Faunistik und Ökologie, in der sie als Leiterin die Floristik vertrat. Daneben galt ihr Interesse auch der Jugendarbeit, indem sie Projekttage an den Schulen unseres Landkreises fachlich begleitete. Begeisterung für die heimische Pflanzenwelt und ihren dringend benötigten Schutz zu wecken, war dabei ihr vorrangiges Ziel. Mit Karla Gruschwitz ist nicht nur ein liebenswürdiger Mensch viel zu früh von uns gegangen. Verloren haben wir auch ihr im Verlauf vieler Jahrzehnte angeeignetes Wissen, gepaart mit jenen praktischen Erfahrungen, die zumindest auf regionalem Terrain nicht zu ersetzen sind. Karla Gruschwitz hat sich hervorragende Verdienste um die floristische Erforschung Sachsen-Anhalts erworben; sie wird unvergessen bleiben. Mit der Familie trauern zutiefst alle Freunde und Bekannten.

Von Frank Bannasch

  

 

 

Karla Gruschwitz; Aufn. W. Gruschwitz

  • Karla Gruschwitz
  • Die Pflanzen sind von Kindheit an mein Hobby. Eine erste Anleitung im Elternhaus beschränkte sich auf die deutschen, hier in der Umgebung gebräuchlichen Namen. In der Schule kamen dann die entsprechenden wissenschaftlichen Namen hinzu. Ein zweiter Schub in Richtung Botanik erfolgte 1961 während des Chemiestudiums an der Martin-Luther-Universität in Halle / Saale, als mich befreundete Biologiestudentinnen zu botanischen Exkursionen überredeten und ich dabei den Gebrauch von Bestimmungsliteratur erlernte. Seit 1983 kartiere ich Gefäßpflanzen im Staßfurter Raum für den Botanischen Arbeitskreis Nordharz. Heute versuche ich durch botanische Führungen mein Wissen weiter zu geben.

    In den letzten Jahren stand die eingehende Beschäftigung mit der Gruppe der Wildrosen und der noch schwieriger zu bestimmenden Gruppe der Weiden im Vordergrund.

    1992 übernahm ich die Leitung der Fachgruppe Faunistik und Ökologie Staßfurt und bin seit dem gleichen Jahr Vorsitzende des Naturschutzbeirats beim Landkreis Aschersleben-Staßfurt.

      

     

     

     

    Bibliographie:

    • KISON, H.-U. & K. GRUSCHWITZ (1985): Zur Flora von Staßfurt und Umgebung. - Mitt. flor. Kart. Halle 11 (1/2): 26-32.
       
    • KISON, H.-U. & K. GRUSCHWITZ (1988): Zur Flora von Staßfurt und Umgebung, 2. Mitteilung. - Mitt. flor. Kart. Halle 13 (1/2): 62-69.
       
    • GRUSCHWITZ, K. (1997): Distelbastard Cirsium x reichenbachianum LÖHR. - halophila, Mitt.-Bl. FG Faun. u. Ökol. Staßfurt 33: 5.
       
    • GRUSCHWITZ, K. (1997): Kleinblütiger Steinklee Melilotus indica (L.) All. - halophila, Mitt.-Bl. FG Faun. u. Ökol. Staßfurt 33: 5.
       
    • GRUSCHWITZ, K. (1997): Sumpf-Gänsedistel Sonchus palustris L. - halophila, Mitt.-Bl. FG Faun. u. Ökol. Staßfurt 34: 8.
       
    • GRUSCHWITZ, K. (1997): Beifußblättriges Traubenkraut Ambrosia artemisiifolia. - halophila, Mitt.-Bl. FG Faun. u. Ökol. Staßfurt 34: 9.
       
    • GRUSCHWITZ, K. (1998): Lampionblume im Moorbusch. - halophila, Mitt.-Bl. FG Faun. u. Ökol. Staßfurt 35: 3.
       
    • GRUSCHWITZ, K. (1998): Weiterer Fund des seltenen Orangeroten Dachpilzes. - halophila, Mitt.-Bl. FG Faun. u. Ökol. Staßfurt 36: 7.
       
    • GRUSCHWITZ, K. (1998): Porträts von wiedergefundenen Pflanzen um Staßfurt. - halophila, Mitt.-Bl. FG Faun. u. Ökol. Staßfurt 36: 14.
       
    • GEITER, R. & K. GRUSCHWITZ (1999): Beiträge zur Makromycetenflora des LSG "Bodeniederung" (Sachsen-Anhalt). Teil 1: Der Restauenwald Wöhl bei Tarthun. - halophila, Mitt.-Bl. FG Faun. u. Ökol. Staßfurt 37: 4-7.
       
    • GRUSCHWITZ, K. (1999): Beitrag zum Vorkommen von Wildrosen und ihrer Verbreitung in und um Staßfurt. - halophila, Mitt.-Bl. FG Faun. u. Ökol. Staßfurt 39: 12-14.
       
    • GRUSCHWITZ, K. (1999): Die Pflanzen und Tiere des Jahres 1999. - halophila, Mitt.-Bl. FG Faun. u. Ökol. Staßfurt 37: 1-2.
       
    • GRUSCHWITZ, K. (1999): Pflanzenfunde 1999: Bleiches Waldvögelein, Sanikel, Strand-Tausendgüldenkraut. - halophila, Mitt.-Bl. FG Faun. u. Ökol. Staßfurt 39: 11-12.
       
    • GRUSCHWITZ, K. (2000): Biotop, Landschaft, Pflanzen und Tiere des Jahres 2000. - halophila, Mitt.-Bl. FG Faun. u. Ökol. Staßfurt 40: 13.
       
    • GRUSCHWITZ, K. (2001): Biotop, Landschaft, Pflanzen und Tiere des Jahres 2001. - halophila, Mitt.-Bl. FG Faun. u. Ökol. Staßfurt 42: 17.
       
    • GRUSCHWITZ, K. (2001): Pflanzenfunde 2000 um Staßfurt: Feinblättrige Schafgarbe, Mondraute, Graugrüne Rose, Saat-Labkraut. - halophila, Mitt.-Bl. FG Faun. u. Ökol. Staßfurt 42: 18.
       
    • GRUSCHWITZ, K. & H.-U. KISON (2001): Staßfurt: Die untere Bodeniederung und die Erosionstäler um Hecklingen. In: Botanische Streifzüge durch den Nordharz und sein Vorland. - Botanischer Arbeitskreis Nordharz e.V., Quedlinburg.
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